Der Theologe Lucas Bacmeister in seiner Zeit – eine Annäherung an das Lutherjahr

Von Friedrich Bacmeister

Das am 31. Oktober 2016 begonnene Lutherjahr regt zu Fragen an: In welcher Welt lebte man damals? Wie konnte die evangelisch-lutherische Kirche entstehen – der viele Mitglieder der Familie Bacmeister noch heute angehören?

Als Bacmeister-Familie haben wir das Glück, dass unser Vorfahr Lucas I nicht nur in diese Zeit hineinwuchs, sondern als Rostocker Theologieprofessor zur 3. Generation der Reforma­toren gehörte. Doch Lucas soll – im 1. Teil – nur Anknüpfung sein für einen Blick in die Zeit der Reformation bis etwa 1560, der Blütezeit der Universität Wittenberg. Im für 2017 geplanten Teil 2 wird allerdings auch der Frage nachgegangen werden, welchen Anteil Lucas an der Entwicklung der Universität Rostock und der Konsolidierung der Reformation hatte.

Unsere Annalen berichten: Lucas Bacmeister lebte von 1530 bis 1608; er war „ein hervor­ra­gender Theologe und eifriger Förderer der Reformation“, als Rostocker Theologie-Professor wurde er „der Ältere“ genannt, da an der dortigen Universität neben und nach ihm eine Rei­he von Söhnen und Enkeln eben­falls als Professoren tätig waren (die neuere Forschung nennt es eine „Familien-Universität“). Allerdings erlebte diese Universität damals nach dem von Lucas maßgeblich geförderten Kom­promiss zwischen den mecklen­burgi­schen Herzögen und der Stadt Rostock: „Formula Con­cor­diae“ vom 11. Mai 1563 einen unglaublichen Auf­schwung zur „Perle des Nordens“ – und war – in Person der dortigen Theo­logie-Professoren David Chytraeus, Simon Pauli und Lucas Bacmeister eine der Brutstätten für das Schluss-Dokument der evangelischen Reformation in Deutschland, die Konkordien­formel von 1580.

 

Lucas Bacmeister hatte 1547 in Ham­burg (in der neuen Bürgerschule: Johanneum ?) Vor­trä­ge von Cruciger, Apinus und insbeson­dere Johannes „Pomeranus“ Bugenhagen ge­hört, dem Beichtvater und Mitstreiter Martin Lut­hers seit 1522 in Witten­berg; die drei Pro­fes­soren waren von dort vor der Pest – und den Schrecken des Schmalkal­dischen Krieges ge­flohen. Lucas war von seinem Vater – we­gen der ebenfalls in Lüneburg ausge­bro­che­­nen Pest – nach Hamburg geschickt worden.  Aus dieser Begegnung hatte sich bei Lucas – gegen den Plan des Vaters, ihn zum Gold­schmied ausbilden zu lassen – der Wunsch entwickelt, in Wittenberg Theologie zu studieren.

 

Er konnte seinen Vater überzeugen und zog Ostern 1548 nach Wittenberg. Dort musste er zunächst Logik, Rhetorik, Geschichte und Hebräisch belegen – letz­te­res hörte er bei Flaccius, der später eigene Vorstellungen vom Evangelium entwickelte. Ken­nen­gelernt hat er dort auch den gleichaltrigen (!) David Chytraeus, der bis 1551 in Wittenberg u. A. Griechisch lehrte, und dann nach Rostock berufen wurde.

 

Nach Durchlaufen der „Artistenstudien“ belegte Lucas Theologie und Philosophie und hörte bei Philipp Melanchthon, dem Humanisten und eloquenten Kompromissfinder, der Luthers Lehre vor den Fürsten vertrat – sowie Bugenhagen. Luther hat er nicht mehr kennengelernt, denn dieser war 1546 gestorben.

Teil 1

Vom Thesenanschlag zum Schmalkaldischer Bund, die Reformation in Städten und Territorien und Wittenberg als geistiges Zentrum

 

Was waren das damals für Zeiten? In welche Welt wuchs der junge Lucas hinein, als er am 18 Oktober 1530 in Lüneburg geboren wurde? 1530 ist in Augsburg Reichstag. Auf diesem gaben die „Protestanten“ (des vorhe­ri­gen Worm­ser Reichstags) ihr von Melanchthon formuliertes Bekennt­ni­s zur Leh­re Luthers ab, die „Augs­­­­­burger Konfession“. Eigentlich sollte dadurch die katho­lische Kirche zur Erneuerung angeregt werden; Schwerpunkt der Artikel 1-22 war es, die Übereinstim­mung der Lehre Luthers mit der katholischen Kirche zu betonen, nur die übri­gen bis Art. 28 enthielten Ab­gren­zungen – und damit Kritik. Dieses Bekenntnis wurde vom Kaiser – der sich gegen ein Konzil zur Re­form der Kirche sperrte – mit Unter­stützung päpstlicher Gelehrter (Eck und Faber) durch eine von den Katholischen Fürsten verabschiedete Confutatio „widerlegt“ und zurückgewiesen. Wie war es zu dieser Konfrontation gekommen?

Luthers Überzeugung und Verteidigung

 

Der Anschlag von 95 Thesen an der Witten­ber­ger Schlosskirchen-Tür im Oktober 1517 wird als Beginn der Reformation angesehen. Ihr Verfasser ist Martin Luther, Mönch und seit 1512 Professor für Exegese der Bibel in Wittenberg. In den Thesen hatte er die Be­rech­tigung der vom Papst geförder­ten Ablaß­briefe, mittels derer Vergebung von Sünden und Seelenheil erkauft werden konn­te, bestritten und am Ende gefragt, ob nicht der Papst reich genug sei, den Petersdom aus eigenem Vermögen zu finanzieren.

 

Diese Thesen verbreiteten sich rasch in Deutschland – möglich wurde dies durch den kürzlich erfundenen (Buch)-Druck. Als der Papst Luther daraufhin Mitte 1520 die Exkomunikation androhte, verteidigte er sich mit der Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, in der er die katholischen Sakramentenlehre kritisierte, da der Papst die Gläubigen um ihr Seelenheil betrüge; Sakramente als Zeichen für die Erlösung durch Christus seien nur die drei in der Bibel genannten (sola scriptura): Taufe, Abendmahl und Buße.

 

Weiterhin verfasste er eine Schrift „An den Christlichen Adel deutscher Nation“, in der er Kaiser und Reichsfürsten aufrief, das „römische Joch“ abzuwerfen – unzweifelhaft fürchtete er, dass auf die Bannbulle die Reichsacht durch die Reichsstände folgen würde, wie es dann 1521 auf dem Reichstag zu Worms auch geschah. In der Schrift sprach er der Papst-Kirche die weltliche Macht ab, forderte, dass der Papst sich in Glaubensfragen Entscheidungen der Konzile unterordne und benannte eine Reihe von Missständen, die zu beheben seien. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ entwickelte er das Bild eines – von Geburt an sündigen – Menschen, der innerlich frei sei, durch Glauben und Gnade Gottes sich zu erlösen, der allerdings in der äußeren Welt vielfältigen Bindungen unterliege. Durch intensives Studium der Theologie des Apostels Paulus und von Augustinus (seit 1507) hatte Luther die Gewissheit erlangt, dass der biblische Begriff „Gerechtigkeit Gottes“ nicht einen zornigen und strafenden, sondern den barmherzigen und gnädigen Gott meint, der die Menschen wegen ihres Glaubens (sola fide) mit Gnade (sola gratia) beschenkt; folglich sei Vergebung der Sünden nicht durch Taten (Stiftungen, Ablassbriefe kaufen), sondern durch Glauben und durch die Gnade Gottes zu erlangen.

 

Süddeutsche Bauern bezogen Luthers Freiheit auf ihre Abhän­gigkeit, revoltierten und er­schlu­­­gen einige Grundherren 1524/5, bevor sie niederge­met­zelt wurden – Luther war fortan ein Verfechter stabiler Obrigkeit.

Wittenberg: vom Humanismus zur Reformation der Kirche

 

Bald fand Luther Mitstreiter. Ende April 1521 zog der pommersche Mönch Johan­nes Bugen­hagen (* 24. Juni 1485 in Wollin, Herzogtum Pommern; † 20. April 1558 in Wittenberg) nach Wittenberg, um Me­lanch­thon und Luther zu hören und hielt ab November – Luther wurde vom Kurfürs­ten Friedrich wegen der Reichsacht auf der Wartburg versteckt – eigene Vorle­sun­gen über die Psalmen; auf Vor­schlag Luthers wurde er 1523 zum Stadtpfar­rer ernannt; er predigte gern. Schon im Okto­ber 1522 heira­tete er; Luther ging diesen Weg erst 1525.

 

Bugenhagen übernahm die Position von Karl Bodenstedt gen. Karlstadt, einem Mitstreiter Luthers seit 1517, der allerdings in Luthers Abwesenheit die Änderungen in Gottesdienst und innerer Ordnung so weit voran getrieben hatte, dass es zu Bilderstürmerei kam und der Rat von Wittenberg flehentlich um Luthers Rückkehr bat, so dass dieser die Wartburg im Frühjahr 1521 verließ. Ab ca. 1528 wurde Bugenhagen zum Übermittler von Luthers Lehren in vielen norddeut­schen Städten, reformierte auch Pommern und Dänemark.

Schon ab 1518 wurde Luther unterstützt von Philipp Melanchthon (eigentlich Ph. Schwartz­­­erdt; * 16. Februar 1497 in Bret­ten; † 19. April 1560 in Wittenberg). Der damals 21-Jährige war auf den neu gestifte­ten Lehrstuhl für griechische Sprache beru­fen worden. Seine Neuerungen in den Vorle­sun­gen erzeugten großen Zustrom von Stu­den­ten an die Uni­ver­sität. Ob seiner univer­sellen Bildung und humanistischen Weltsicht wurde er bald von Luther geschätzt. Auf diese Zusammenarbeit ging dann zurück, dass Lut­her seiner Bibelüber­setzung nicht nur die ge­kannte lateinische Vulgata zugrunde legte, sondern auch die griechischen Texte für das Neue und hebräische für das Alte Testament.

 

Da Luther als Geächteter seine Lehre auf den Reichstagen nicht verteidigen konnte, reiste Melanchthon dann 1530 nach Augsburg, wo Kaiser Karl nach erfolgreicher Abwehr der Türken vor Wien im Vorjahr erneut versuchte, die Einheit von Kirche und Reich wiederher­zustellen – einige Fürsten verfolgten dort jedoch eigene, politisch-wirtschaftliche Ziele.

Politisch-wirtschaftliche Konstellation im Reich 1530

Abgegeben wurde das Augsburger Bekenntnis vom sächsi­schen Kurfürsten (und Beschüt­zer des geächteten Luther) aus Wittenberg, dessen Bruder aus Meißen, dem Landgrafen von Hes­sen, dem Marktgrafen von Ansbach und dem Fürsten zu Anhalt-Köthen, den Reichsstäd­ten Nürnberg und Reutlingen (weitere vier schlossen sich an; für die Städte Freiburg, Kon­stanz, Lindau, Memmingen formulierten Martin Bucer ein von Zwingli beeinflusstes eigenes Bekenntnis) sowie von den Welfenherzögen (und Vettern der Sachsen), also den in Wolfenbüttel residierenden „Braun­schweiger“ Herzog sowie von Ernst „dem Bekenner“ – so genannt wegen seines mutigen Eintretens für die lu­the­­rische Überzeu­gung auf dem Augsburger Reichstag – Fürst von Lüneburg mit Sitz in Celle.

 

Der Hinweis auf die abweichende Residenz der Territorialherren ist bewusst; viele – durch Handel reich gewordene und in der Hanse zusammengeschlossene – Städte hatten ihre Her­ren vertrie­ben: Köln 1288 den Erzbischof, der seither in Bonn residierte; der Bremer  Bischof hatte nach Verden ausweichen müssen; der Lübecker nach Plön;  Lüneburg zerstörte 1371 die Burg der Welfen. Es war durch Salz reich geworden, welches zur Konservierung der vor Schonen / Ostsee gefangenen Heringe verwendet wurde – Lübeck war die Drehscheibe dieses Handels.

 

Vielfach hatten die Städte sich sogar die Reichsunmittel­bar­keit erkauft und nahmen dann an den Reichstagen teil (Frankfurt, Nürnberg, Ham­burg, Bremen, Lübeck, Goslar; Konstanz, Lin­dau, Freiburg). Unter dem Schirm des „Heiligen Römischen Reiches Deut­scher Nation“ des Kaisers – seit 1519 Karl V in Wien – gab es somit ein Netz von regio­na­len Selbständigkeiten. Auch die Fürsten ver­folg­­ten eigene Interessen, so dass der Kaiser seine Mühe hatte, auf Reichstagen seine Politik durch­zusetzen, zumal neben den Türken gegen Wien auch Frankreich im Westen expansiv agierte und die Päpste wechselnde Bündnisse schlossen – der Kaiser brauchte die Stände zur Bewilligung von Steuern und militärischer Unterstützung.

Jo­han­­­­nes Hus wurde 1417 vom Konstanzer Konzil als Ketzer verdammt und auf dem Scheiter­hau­fen verbrannt. Dennoch war die Position der bekennenden Territorialherren und Städ­te nach dem Augsburger Reichstag gefährdet: aufgrund der Confutatio war die Confessio abge­lehnt; der lutherische „Irrglaube“ war nach dem damit bestätigten Worm­ser Edikt von 1521 nur auf Zeit toleriert. Für die sich nicht dem Kaiser unterwerfenden evangelischen Reichs­­­stän­de bestand die Gefahr der Reichsexekution wegen Landfriedens­bruchs. Bereits im September 1530 wurde ein Bündnis aller protestantischen Fürsten und Reichsstädte propagiert.

Da ein solches Bündnis sich in jedem Fall auch gegen den legitimen römischen Kaiser rich­te­te, bezweifelten einige Theologen das Recht zu aktivem Widerstand gegen den Kaiser, weil die­­ser Oberhaupt aller weltlichen Herrschaften sei und letztere ihm somit unbedingten Gehor­­sam schuldeten. Wer sich ihm widersetze, widersetze sich demnach auch Gottes Ordnung. Dies Argumentation war nach den Baueraufständen um 1525, die sich auch auf die Lehre Luthers berufen hatten, entwickelt worden.

Aber die entstandene politische Konstellation drängte auf eine rasche Ent­schei­­­dung, so dass Luther und andere Bedenkenträger bei Verhandlungen in Torgau Ende Oktober 1530 die Argu­mente der (vorrangig sächsischen) Juristen akzeptierten: ein Recht zum bewaffneten Widerstand sei gegeben, falls der Kaiser einen Verfassungsbruch begehe. Im Frühjahr 1531 trafen sich die Bekennenden in Schmalkalden und besiegelten das Verteidi­gungsbündnis– vergleichbar mit der Nato in den 50iger Jahren.

Das Schmalkaldische Bündnis erlangte in der Folgezeit (bis 1542) große politische Bedeu­tung, unter ihrem politisch-militärischem Schirm reformierten immer mehr Reichs- oder Hanse­städ­te und Territorialherren zum Luthertum und schlossen sich dem Bündnis an.

Nur vor diesem Hintergrund entgingen Luther und seine Mitstreiter dem Schicksal von Jo­han­­­­nes Hus.

Wie wirkte sich das auf die Städte – wie in Lüneburg -aus?

 

Der erste Hinweis auf die Reformation in Lüneburg stammt aus einem Bittgesuch vom 25. März 1525 des Bürgers Johann Funke, der die Stadt verlassen musste, weil er mit anderen deutsche Psalmen gesungen und (wie andere auch) geistliche und weltliche lutherische Schriften gelesen hatte. Der Rat vertrat den alten katholischen Glauben. In den Folgejahren traten die Vertreter Roms und die Anhänger Martin Luthers gegeneinander auf.

 

Ernst der Bekenner (* 27. Juni 1497 in Uelzen; † 11. Januar 1546), seit 1521 Fürst von Lüne­burg, war etwa 1512 Student in Wittenberg und hat­te dort Kontakt mit Luthers Lehren. Bald nach Übernahme der Regierung begann er mit der Reformierung der Kirche des Fürstentums im lutherischen Sinne. Im Jahre 1527 gab es einen Landtagsabschied, auf dem sich auch der sich bis dahin ablehnend verhaltene Adel für den neuen Glauben aussprach. Aus Augsburg brachte Ernst den Reformator Urbanus Rhegius mit, der in den näch­sten Jahrzehnten maß­geb­­lich für die Umsetzung der Reformation im Celler Fürstentum verantwortlich war. Im Früh­ling 1531 reiste er nach Lüneburg und arbeitete im Auftrag des Rates eine neue Schul- und Kirchenordnung aus. Rhegius kehrte bald wieder nach Celle zurück, reiste jedoch bis 1534 immer wieder nach Lüneburg, um die Reformation zu stabilisieren.

 

Ernst` reformatorischer Eifer hatte allerdings auch einen wirtschaftlichen Hintergrund: Ein Schwer­punkt seiner Regierung war die Sanierung des völlig überschuldeten Fürstentums. Bei seiner Amtsübernahme waren mit Ausnahme der Schlossvogtei alle (mit Abgaben ausgestat­teten) Ämter verpfändet. Ernst` Bestrebungen zielten vor allem auf deren Wiedereinlösung ab. Die notwendigen Steuer­erhö­hungen führten zu schweren Auseinandersetzungen mit den Ständen. Es gelang Herzog Ernst jedoch, sich durchzusetzen und so den Schuldenabbau ein­zu­leiten. Dabei half die Einziehung von katholischen Pfründen erheblich – zugespitzt: man einigte sich auf Kosten der Klöster und Kirchen.

In Norddeutschland hatte Bugenhagen schon seit 1528 in Braunschweig, Hamburg und Lübeck durch Predigten und Aufklärung der ortsansässigen Prediger über die Auffassung in Wittenberg – die in Kirchenordnungen und Ernennung von Superintendenten mündeten – die Verhältnisse im reformatorischen Sinne geordnet. In dieser Zeit beriet er auch den Rat der Stadt Rostock in Fragen zur Gestaltung der Reformation. Außerdem verfass­te er eine Reihe von Schriften, und arbeite bei der Übertragung der Bibel ins Niederdeutsche mit. Die 1533/ 34 erschie­nene, prächtig ausgestattete Lübecker Bibel wird auch als „Bugenhagen-Bibel“ bezeichnet (die Luther-Übersetzung nutzte das mitteldeutsch-sächsische Idiom).

Im Sommer 1537 reiste er auf Bitten des dänischen Königs Christian III. nach Dänemark und blieb dort zwei Jahre. Auch dort führte er die Reformation ein, krönte das Königspaar und ordnete die Verhältnisse an der Universität Kopenhagen.
Nachzutragen bleibt noch, dass Bugenhagen 1530 in Hamburg ein Johanneum gründete; in Lüneburg hatte schon seit 1406 eine La­tein­schule an St. Johan­nis für den Patrizier-Nach­wuchs bestanden, die um 1540 von Hermann Tulichius geleitet wurde, der eben­falls in Wittenberg studiert hatte und in regem Briefkontakt mit den Reformatoren stand; Lucas Bacmeister hatte dort seine Gewandt­heit der Rede und seine Lateinkenntnisse erworben, auch der 1534  geborene Simon Pauli war – von Schwerin aus ! – dorthin geschickt worden – und wurde später in Rostock zum Mitstreiter von Chyträus und Bac­meister.

1546-55: Erste deutsche konfessionelle Kriege

Lucas Bacmeisters Studien- und Reisejahre waren durch Krieg und Pest überschattet. 1544 schloss Kaiser Karl Frieden mit Frankreich und erwarb sich so den Freiraum, um in Deutsch­­land die Verhältnisse „zurecht zu rücken“; im Februar 1546 verstarb Martin Luther; Karl verhängte die Reichsacht gegen Landgraf Philipp von Hessen und Kurfürst Johann Fried­rich von Sachsen wegen Eroberung des re-katholisierten Fürstentums Braunschweig-Wolfen­büttel (durch die Schmalkaldener in 1542). Er sammelte die katholischen Reichsstände unter Führung Bayerns. Auch den protestantischen Herzog Moritz von Sachsen, den Vetter des Kur­­fürsten in Wittenberg! – zog er u. a. durch das Versprechen der sächsischen Kur­wür­de auf seine Seite.  Nachdem ihm Papst Paul III. die Finanzierung des Kriegs „gegen die Ketzer“ zuge­­sagt hatte, eröffnete er diesen. Im sogenannten Donaufeldzug gegen die süddeutsch-protestantischen Städte war Karl V. siegreich, Johann Friedrich von Sachsen musste sich auf den Angriff seines Vetters auf seine Heimat dorthin zurückziehen, die süddeutschen Gebiete unterwarfen sich dem Kaiser. In der Schlacht auf der Lochauer Heide bei Mühlberg/Elbe im Mai 1547 unterlag Johann Friedrich dem Kaiser, auch Philipp von Hessen ergab sich, beide wurden für Jahre in niederländi­sche Gefangenschaft geschickt. Der Schmalkal­dische Bund war damit aufgelöst, nur Bremen und Magdeburg leisteten noch Widerstand.

Das gelang infolge von Partikularinteressen jedoch nicht. Den evangelischen Gebieten wurde im Interim – bis zu endgültigen Festlegung – immerhin der Laienkelch (Abendmahl in beider­lei Gestalt) und die Priesterehe zugestanden.

 

Der Erfolg des Kaisers und der katholischen Seite war nicht von Dauer; Moritz von Sachsen schloss 1551 ein Bündnis mit der Fürstenopposition gegen den Kaiser und verbün­de­te sich 1552 auch noch mit dem französischen König Heinrich II. gegen Karl. Der Kaiser musste nach weiteren Schlachten im Passauer Vertrag den evangelischen Landen ihre vollen Rechte zuge­stehen, was im Augsburger Religions- und Landfrieden am 25. September 1555 endgültig be­siegelt wurde. Damit war es dem jeweiligen Landesherrn freigestellt, die Konfession für sein Land und seine Untertanen nach dem Grundsatz „cuius regio, eius religio: wem das Land ge­hört, der bestimmt die Religion“, zu wählen; der Kaiser musste auf die Einheit der Kirche ver­zichten, dankte resigniert (zugun­sten seines Bruders Ferdinand) ab und ging in ein Kloster.

 

Für viele Städte war dies eine todbringende Zeit, die Pest zog den Heeren hinterher und wur­de durch Kaufleute und Reisende weiterverbreitet. So wurde auch der Universitäts­betrieb in Wittenberg wegen Ausbruchs der Pest eingestellt, die Reformatoren zogen in andere Städte, Bugenhagen visitierte und lehrte in Hamburg, wo Lucas ihm zuhörte und sich begeistern ließ für die Theologie. Er zog 1548 seinem Vorbild hinterher nach Wittenberg und konnte auf­grund eines Stipendiums aus der mütterlichen Familie weiterstudieren, obwohl sein Vater 1548 an der Pest starb; 1552 wurden diese Zahlungen (vom Stie­­f­vater) eingestellt, Lucas Bc musste zurück nach Lüneburg, wurde aber 1553 als Prinzen­erzie­her an den Hof des däni­schen Königs vermittelt – die Kontakte von Bugenhagen und eines Studien­freundes ermög­lichten es. Nach drei Jahren gab er diese Position auf, wurde gut entlohnt und kehrte an die Universität zurück, wo er 1558 zum Magister theol. promovierte.

 

Nach dem Krieg war Wittenberg plötzlich ein Landstädtchen des neuen Kurfürsten Moritz von Sachsen-Meißen, Luther lebte nicht mehr. Melanchthon übernahm die geistige Führung, Bugenhagen brachte den Universitätsbetrieb ab Okt. 1547 wieder in Gang – und bemühte sich (deshalb) um ein gutes Verhältnis zum neuen Landesherrn, was den Argwohn Vieler hervor­rief. Beide verteidigten das Augsburger Interim, obgleich es in Vielem die katholischen Regeln fest­schrieb; sie wurden deshalb (als Verräter an Luther: Philipperstreit) scharf ange­griffen. Insgesamt konnten die Refor­matoren zunächst die Qualität der wittenbergischen Lehre halten und entwickelten eine große Praxis, Wittenberger Studenten nach außerhalb zu empfehlen. So wurde Lucas 1559 der dänischen Königswitwe empfohlen und wurde deren Hofprediger – schon 1560 empfahl Melanchthon der Stadt Rostock, Lucas Bc als Theologie­professor zu berufen. Mit dem Tod von Bugenhagen 1558 und von Melanchthon im April 1560 verlor Wittenberg seine Anziehungskraft.

1548 beim Reichstag in Augsburg sollte dem militärischen Sieg die politische Ordnung folgen.

1550 war Melanchthon von den Mecklenburger Herzögen auf Übernahme einer Professur in Rostock angefragt worden und war zunächst geneigt, nach Rostock umzuziehen. Als er je­doch ver­nahm, dass dort die Stadt und die Herzöge um die Vormacht an der Universität seit Jahren im Streit lagen, sandte er stattdessen seinen besten Schüler, David Chyträus, gerade 21jäh­rig und ebenso ein „Wunderkind“, wie es auch Melanchthon war. Chyträus machte sich dann an die Aufgabe, zunächst die Artistenfakultät zu reformieren und deren innere Ordnung am Evangelium lutherischer Prägung auszurichten.

 

Im Dezember 1550 hatte der Mecklen­burger Herzog Heinrich auch den Mediziner Jacob Bording, zum Prof. in Rostock und Leibarzt berufen; jener lehrte 7 Jahre dort, nahm dann jedoch eine Professur in Kopenhagen – und die Stellung als Leibarzt des dänischen Königs an. In Rostock blieben damals die Professoren nicht lang; sie ließen sich wegen des Streits zwischen Rat und Fürsten gerne wegberufen.

 

Das Leben Jacob Bordings lohnt auch einige Zeilen: geboren 1511 in Antwerpen und dort unter­richtet, wurde er ca. 15jährig nach Leu­wen geschickt, um Rhetorik und Hebrä­isch zu lernen – also den üblichen Kanon der Artisten­fakultät zu absolvieren; da­nach erst konnte man theolo­gische, juristische oder medizinische Vorlesungen hören. 1529 ging er nach Paris und studierte Philosophie und Medizin; nach dem Tod seines Vaters 1530 unterrichtete er die Söhne reicher Pariser in Griechisch und Hebräisch – damals ein typi­scher Lebensab­schnitt für Bürgersöhne. Dank der dabei hervortretenden vorzüg­li­chen klassischen Bildung fand er Anschluss bei den Humani­sten; der Bischof Johann Rochefoucald ließ ihn auf seine Ko­sten bei berühmten Medizi­nern in Mont­pellier wei­ter­studieren – an­schlie­ßend, 1536, unter­nahm er eine Stu­dien­reise gen Süden, lernte bei Carpentras deren Bischof kennen und wurde von ihm als Rektor der Gelehrten­schule angestellt. Da der Bürger­meister von Orange – alles in der Nähe von Avignon/Südfrankreich – von ihm beein­druckt war, gab er ihm die Schwester seiner Frau, Fran­ci­s­ca Nigrona, aus Genua stam­mend, zur Ehe­frau. Auf Kosten des Bischofs von Carpentras machte Bording 1540 in Bologna seinen medi­zinischen Doktor, sah sich dann jedoch wegen seiner humani­sti­scher Überzeugung Anfeindungen als Ketzer ausgesetzt, so dass er als Arzt nach Antwer­pen zurückkehrte – und wohl dort zum Lut­her­tum übertrat. Als die spanische Inquisi­tion Antwerpen erreich­te, wan­der­te die Familie nach Hamburg aus, wo er 1545 vom Senat als Medicus Ordi­na­ri­us – Stadt­arzt – angestellt wurde. 1550 wur­de er Prof med in Rostock; 1557 in Kopenha­gen, wo er im Sept. 1560 leider als amtieren­der Rektor schon starb – und seine Frau mit neun Kindern zurückließ.

 

Die Witwe zog zu­rück nach Rostock, da sie dort „alte Freunde hatte“. Zumindest 2 Söh­ne wurden später in die Familie ihrer Schwe­ster nach Orange geschickt – zwecks (höhe­rer) Erziehung.

Diese Lebensgeschichte scheint mir typisch zu sein für die Zeit des geistig-geistlichen Auf­bruchs und der politischen Umbrüche der Zeit – und Francisca wurde die Schwieger­mutter unseres Lucas: er heiratete, finanziert durch die Königinwitwe – im Juni 1560 die älteste Tochter Johanna. Die Schwiegermutter drängte – unterstützt durch ihre alten Freunde -darauf, dass Lucas nach Rostock berufen werde – was dann auch im Januar 1562 geschah.

Die Entwicklung der Rostocker Universität und der Reformation – sowie das Wirken des Lucas Bc in Rostock ist Gegenstand des 2. Teils.